18
Sep
2016
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Der erste Tag meines Roadtrips durch Vietnam

Nach dem gestrigen Tag habe ich das Gefühl, dass das Abenteuer jetzt erst richtig los geht. Nach den drei Wochen mit meinen Freunden – Reisen im „Easy Mode“ – bin ich nun auf eigene Faust unterwegs. Aber nicht ganz allein!

Zugegeben, ich war sehr nachlässig mit dem Schreiben und bin durchaus ein paar gute Stories aus den letzten drei Wochen schuldig geblieben. Bei Gelegenheit werde ich das natürlich nachholen, denn es gibt ein paar richtig gute Themen. Essen, zum Beispiel.

Aber weil für mich jetzt ein neuer, spannender und abenteuerlicher Teil startet, möchte ich euch erst einmal von meinen gestrigen Erfahrungen mit dem richtigen Vietnam erzählen.

Gestern früh habe ich endlich mein Moped bekommen (siehe oben). Und natürlich wollte ich auch direkt los. Also habe ich gewartet, bis der Händler meine Sachen auf dem Gepäckträger verstaut hatte, alles Geschäftliche erledigt war und ich endlich den Schlüssel bekam. Angeschmissen und mit lautem Röhren – der Sound ist unglaublich geil für so wenig Hubraum – abgedüst. Kurz zur Tankstelle, einmal vollmachen für 3 Euro und dann ab auf die Straße.

Als ich aus der Stadt raus war, führte mich das Navi auf die ‚Autobahn‘. So wie jeder gute Vietnamese habe ich natürlich das Verbotsschild für Mopeds ignoriert und auf 70 km/h beschleunigt.

Das klingt vielleicht langsam, aber ist in Vietnam schon eine recht hohe Geschwindigkeit. Normalerweise geben die Landstraßen nicht so viel her und – naja – ich fahre ja auch ohne Schutzkleidung und nur in kurzer Hose, Hemd und Helm. Mir ist klar, dass ich mich auch bei 50 km/h bei einem Sturz auf dem Asphalt verteile, wie die leckere Marmelade, die der Lebensgefährte meiner Mutter immer von einer Kollegin mitbringt, auf einem Toast. Ich fahre vorsichtig (insbesondere als Anfänger) und in brenzligen Situationen eben deutlich langsamer.

Nach den ersten 50 km brauchte ich jedoch eine Pause. Also runter von der Bahn, in das nächste kleine Dorf und nach großen Schildern Ausschau gehalten, auf denen „Phở bò“ stand, der Name des Nationalgerichts: Nudelsuppe mit Rindfleisch.

Nach kurzer Zeit habe ich das erste Straßenlokal angesteuert. Geparkt, Helm abgesetzt und bei allen Anwesenden ein großes „Hello!“ erzeugt. Eifrig winkte mich eine Gruppe Vietnamesen – drei Männer und zwei Frauen – heran. Sie baten mich mit großen Gesten an ihren Tisch. Gut, dass das Ausschlagen von Einladungen Einheimischer als unhöflich gilt, weiß ich ja schon seit Langem. Als ich aber näher kam, mich alle mit Handschlag begrüßten und dabei eine junge Frau mich mit aller Macht über den viel zu niedrigen Tisch ziehen wollte, wurde mir eins klar: die Gruppe war knallhart stockbesoffen.

Versteht mich nicht falsch: Ich hab das alles auch schon hinter mir und war sicher schon oft gleichermaßen euphorisch und – sagen wir – berührungsinteressiert, aber diese Gruppe übertraf alles. Denn es war 11.30 Uhr.

Unangenehm wurde mir das Ganze jedoch, als man mich aufforderte, mit ihnen Schnaps zu trinken. Selbst mein „Nohohoooo, I need to drive!“, inklusive verzweifeltem Lachen und angedeuteter Drehbewegung der Gasgriffhand, hielt sie nicht ab. Ich nippte einmal, sagte „Uiuiuiiii!“ und hatte im Handumdrehen die junge Frau (die mit der starken Hand) auf dem Schoss und das Glas in ihrer Hand an meinem Mund.

Das war mir dann ein wenig zu viel. Ich stand auf, raunte „Sorry, gotta go!“ und entschuldigte mich beim Koch, der mir unter großem Stirnrunzeln meine volle Suppenschüssel entgegen streckte. Schnell auf den Bock und wegbrettern.

Kopfschüttelnd nahm ich die nächste Abbiegung und suchte nach einem schattigen Platz. Die Sonne brannte von oben und ich wollte was trinken. Was für eine erste Begegnung mit den Einheimischen außerhalb touristischer Orte!

Ein wenig enttäuscht parkte ich unter einem Baum, entwirrte mein fest verstautes Gepäck und leerte meine Wasserflasche, als ein „Hello!“ von der Straßenecke kam. Eine junge Frau streckte ihren Kopf aus dem Fenster und lächelte mir zu. „Do you know where I could buy water?“. Sie lächelte. Langsam checkte ich, dass ich mit Englisch außerhalb der großen Städte überhaupt nicht weiter kam. Ich deutete auf die Flasche, schüttelte sie kopfüber und machte ein trauriges Gesicht.

Das funktionierte!

Sie winkte mich heran und hinter der Ecke kamen noch zwei Frauen hervor, offensichtlich drei Generationen einer Familie in einem Haus. Die älteste Dame kam zu mir, nahm meine Flasche und füllte sie von ihren Vorräten im Haus auf. Ich bedankte mich höflich – wenigstens etwas, dass ich auf Vietnamesisch zu sagen vermag – und gab ihr 10.000 Dong, der übliche Preis von 40 Cent für 1,5 Liter Wasser. Die mittlere Dame sprach dann noch ein paar Minuten mit mir, doch ich verstand leider nichts. Ich sagte noch „Lang Son“, mein Tagesziel. Das verstand sie. Danach verabschiedete ich mich von den Frauen.

Ich fuhr weiter. Mit dem guten Gefühl, dass auf meine negative Erfahrung innerhalb kürzester Zeit gleich eine richtig positive folgte.

 

 

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