21
Sep
2016
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Von Schuhplattler, Schamhaaren und der Schönheit Vietnams

Sobald man die ausgetretenen Pfade verlässt und den touristischen Orten den Rücken kehrt, eröffnet sich einem die wahre Schönheit Vietnams: die wundervolle Art der Menschen.

Im Gegensatz zu den großen Städten, in denen der Anblick von Touristen längst zur Gewohnheit geworden ist, erlebe ich auf dem Land, in den Dörfern und kleinen Orten, wie die Menschen einem blonden Weißen begegnen. Zuerst mit Skepsis, die einem breiten Grinsen weicht, sobald ich lächle oder grüße. Dass das jedoch nur für die Erwachsenen gilt, versteht sich von selbst. Kinder und Jugendliche strahlen mich sofort an, winken eifrig und während ich mit langsamer Geschwindigkeit durch die Dörfer rolle, klingt von allen Seiten das immer wiederkehrende „Hello!“.  Manchmal muss ich geradewegs suchen, um das kleine Kindergesicht zu finden, das schüchtern hinter der Tür hervorlugt und mich grüßte.

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‚Hello!‘ – das kleine Mädchen grüßte mich, während es der Großmutter beim Waschen half.

Noch spannender wird es, wenn ich durch die Straßen schlendere. So wie gestern, als ich gerade das Hotel verließ und die Straße entlang ging. Eine junge Frau kam auf ihrem Roller auf mich zu. Natürlich begrüßte auch sie mich mit „Hello!“. Sie sei Englischlehrerin und fragte mich, ob ich nicht Zeit und Lust hätte, sie zu ihrer Klasse zu begleiten, um mit ihren Kids ein wenig Englisch zu lernen.

Gesagt, getan und schon fand ich mich in einem kleinen Klassenraum wieder, in dem ein paar Kids auf ihre Lehrerin warteten. Das „Hello!“ war groß und nach kurzem Kennenlernen fingen wir an, auf spielerische Art Englisch zu lernen. Dabei waren meine Ideen gefragt – Spiele, die Kinder in Deutschland gern spielten. Spontan fiel mir jedoch nur Galgenraten und Stille Post ein. Nach ein paar Runden unter großem Gelächter wurde gesungen. Als englisches Lied kam mir nur „Old Mac Donald had a farm“ in den Sinn und ich konnte mit meinen präzisen Tiergeräuschen glänzen, sehr zur Erheiterung der Kinder.

Man merkt schnell, wie interessiert vietnamesische Kinder Englisch lernen wollen und wie positiv sie auf „exotische Gäste“ reagieren. Völlig ohne Berührungsängste findet Kommunikation statt, auf einer uneingeschränkten Vertrauensbasis. Ausgesprochen gut finde ich die Einstellung von Jun, die in ihrer Freizeit den Kindern hauptsächlich die Aussprache des Englischen beibringt, weil „sie es in der Schule schlichtweg falsch lernen.“

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Jun und die Mädels aus dem Englischunterricht. Die Jungs waren an dem Tag nicht da.

Das Highlight für alle Anwesenden war dann sicher der Moment, in dem ich den Kids einen „typisch deutschen Tanz“ beibringen sollte. Was kam mir also, ganz stereotypisch, als erstes in den Sinn: der Schuhplattler. Also führte ich ihn so vor,  wie ich ihn tanzen würde: ein bisschen Schenkelklopfen und die Füße hoch und ebenfalls abklatschen, patsch – patsch – patsch. Der Wahnsinn. Sollte Quang Uyen die neue Hochburg des Plattlers werden, ich war es nicht! Die Kinder konnten jedenfalls gar nicht aufhören.

Nebenbei: Als ich die Gruppe nach einem typisch vietnamesischen Tanz fragte, starteten sie ein YouTube-Video mit koreanischer Popmusik und ließen die Hüften kreisen. Hätte ich das mal vorher gewusst.

Zu Kindern findet man natürlich immer schnell einen Draht. Ein paar Faxen, ein Grinsen oder ein ‚Hello!‘ reichen da. Die Erwachsenen sind jedoch nicht sehr viel anders, obwohl man es vielleicht anders erwartet. Insbesondere, wenn man Dinge erfährt, die einem ein Stirnrunzeln bescheren. Wie zum Beispiel, dass vietnamesische Männer geschäftliche Misserfolge an der mangelnden Länge des Schamhaares der Ehefrau bemessen. Zu kurzes Schamhaar gilt zuweilen als Grund für schlechte Geschäfte.

Zugegeben, ab und an bekomme ich einen skeptischen Blick oder die Männer schauen ein wenig grimmig. Aber der Großteil der Menschen geht sehr offen mit mir um. Es gibt allein in den letzten drei Tagen schon viele Beispiele, wie gastfreundlich und ehrlich die Vietnamesen abseits der Tourismusgebiete sind.

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Morgens schon Bier? Kein Problem für Vietnamesen. Gastfreundschaft kennt keine Uhrzeit.

Sei es beim Bäcker, wo der Besitzer mit anderen Gästen über den Preis für zwei Gebäckstücke und einen Kaffee diskutiert und mir schließlich den günstigeren Preis gibt. Ich konnte ihm sogar ansehen, dass es ihm unangenehm war, einem Touristen einen teureren Preis zu machen. Oder der Mechaniker, der meinen Scheinwerfer kostenlos reparierte, weil er ein Foto mit mir und meinem Moped bekam. Oder die Gruppe vom „Hue Monument Restoration Center“, die mich zu ihrem Picknick an den Ban Gioc Wasserfällen einluden, um mit mir um 11 Uhr morgens Bier und Früchte zu teilen. Dass „Mopedfahren-Müssen“ nicht als Ausrede gilt, keinen Alkohol zu trinken, ist mir ja nun bekannt.

Oder eben die Freunde von Jun in Quang Uyen, die mich zum Abendessen und Karaoke einluden und es mir nicht gestatteten, mich am nächsten Morgen beim Frühstück zu revanchieren. Auch da verweigerten sie mein Geld.

So bin ich auf meiner Reise durch den Norden Vietnams zwar allein unterwegs, aber niemals wirklich einsam.

Einer von drei Gründen, die einen auf vietnamesischen Straßen zum Bremsen zwingen. Die anderen sind Schlaglöcher und LKWs.

Einer von drei Gründen, die einen auf vietnamesischen Straßen zum Bremsen zwingen. Die anderen zwei sind Schlaglöcher und LKWs.

6 Antworten

  1. Mom

    Haha, super geschrieben Rico. Hab mich köstlich amüsiert und irgendwie das Gefühl, ich wär dabei gewesen. Schöne Fotos, tolle Landschaften und so gastfreundliche Menschen, einfach Klasse. Freu mich auf weitere Blogeinträge 😉

    1. Rico

      Danke, Mom! Freut mich, dass meine Schreibe dich unterhält und teilhaben lässt. Ist wirklich richtig schön hier – keine Übertreibung. Werde natürlich weiter fleißig schreiben. 😉

  2. Chillnette

    Toll Toll Toll….beneide dich ein wenig, wer lebt das Leben schon so, dass man auch solche Dinge erlebt und sieht!!!! Genieße es, freue mich auf mehr :))

    1. Rico

      Die Kunst ist, auch im Alltag die besonderen Dinge zu erleben. Das bedarf schlichtweg nur ein wenig mehr Aufmerksamkeit. Dafür ans andere Ende der Welt zu fliegen ist ja keine große Kunst… 😀 Trotzdem genieße ich es und freue mich, dass ich dich teilhaben lassen kann.

  3. Yvonne

    Tolle Lektüre am frühen Morgen
    Kanm da deiner Mom nur zustimmen es macht sehr viel Spaß deine Geschichten zu lesen.
    Pass auf dich auf bei den Schlaglöchern und dem Getümmel auf den Straßen.

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