16
Okt
2016
1

Wenig Chaos in Laos

Da für mich als motorisierter Zweiradfahrer der lokale Verkehr stets im Vordergrund steht, bin ich nach Vietnam von der Organisation und rücksichtsvollen Fahrweise der Laoten ausgesprochen überrascht. Aber auch im Allgemeinen ist dieses kleine Volk so anders als der östliche Nachbar.

Nachdem ich die Grenze überschritten und die katastrophalen Straßen der Berg- und Talfahrt hinter mich gelassen hatte, überraschte mich Laos auf dem Weg zu meinem Tagesziel mit angenehmen Straßen in einer von Bergen umgebenen Ebene und ich konnte endlich ein wenig mehr Gas geben.

In der Regel fängt mein Hintern nach circa 130 Kilometern an, unangenehm zu schmerzen und ich überstehe das gern mit einer angenehmen Aussicht auf die Ankunft an meinem Tagesziel. In diesem Fall der kleine Ort Viang Xai, etwa 70 km hinter der Grenze. Da ich ja auch vietnamesischer Seite schon eine Weile unterwegs war, hätte ich genau dort meine „Schmerzgrenze“ erreicht.

Die Landschaft wird berauschend, wenn man die Berge überquert hat.

Die Landschaft wird berauschend, wenn man die Berge überquert hat.

Doch es kam – wie so oft – anders.

Meine Einfahrt in Viang Xai war spektakulär. Also, für die Anderen. Von allen Seiten wurde ich angeschaut. Die Laoten erweisen sich als ausgesprochen zurückhaltend, wenig lächelnd und mit einer guten Portion Skepsis ausgestattet. Gut, wenn man mal ehrlich ist, würde ich vielleicht genauso gucken – sehe ich doch mit halben Helm, dem bunten Reiseoutfit und meinem aufgeschnallten Gepäck schon witzig aus. (Mittlerweile sogar ziemlich schräg, seit ich aufgrund eines Rasierunfalls meinen kompletten Kinnbart entfernen musste und nun mit bemerkenswertem Schnauzer reise.)

Ich hatte vorher via der Booking.com App eine Übernachtungsmöglichkeit ausgesucht. Als ich dort ankam, bemerkte ich zwar einen großen Jeep vor dem Eingang, jedoch keine einzige Person. Ich ging zur Rezeption, doch auch dort war niemand anzutreffen. Große Spinnennetze umspannten Blumentöpfe, Schilder und das alte Telefon und die Broschüren in der Kunststoffhalterung ließen vergilbt ihre Köpfe hängen. Mich beschlich der Gedanke, dass das Hotel vielleicht nicht mehr so oft gebucht wurde. Und ich würde da auch keine Ausnahme machen. Also zurück auf’s Moped und während die Möhre leise glucksend vom Hof rollte, dachte ich über meine Optionen nach. Einfach nach irgendeiner Unterkunft suchen, so wie ich es sonst auch immer mache, oder in die nächstgrößere Ortschaft fahren, um dort mein Glück zu versuchen.

Während ich zum zweiten Mal an einem Bankautomaten versuchte, Geld zu bekommen und ich zähneknirschend die 2,20 Euro Gebühren in Kauf nahm, entschied ich mich für die Weiterfahrt. Nach weiteren 30 Kilometern könnte ich dann in Sam Neua entspannt in ein Gästehaus einchecken und wäre dann endlich angekommen. Umständlich verstaute ich die anderthalb Millionen Kip in meinem Geheimgürtel, den mir mein Kumpel Dang in Vietnam überlassen hatte und machte mich auf den Weg.

Ich bremse auch für Entenfamilien.

Die 30 Kilometer vergingen – fast – wie im Flug und nach einer Stunde erreichte ich mein neues Tagesziel: Sam Neua, die Hauptstadt der nordöstlichen Provinz Houaphan, die oft als Zwischenstopp für Reisende nach Hanoi genutzt wird.

Die Nacht verging schnell und ich bekam richtig guten Schlaf. Das lag nicht zuletzt daran, dass mein erstes Bett in Laos endlich mal wieder eine weichere Matratze hatte. Die Betten in Vietnam sind teilweise derartig hart, dass man denkt, man schläft auf ’ner Tür.

Kurz vorm Schlafengehen hatte ich noch den Entschluss gefasst, am nächsten Tag nach Phonsavan durch zu fahren. Dem Ort, an dem ich ein bis zwei Tage Pause machen wollte und das laotische Leben entspannt genießen. Das bedeutete jedoch, dass ich – im Gegensatz zu meinen sonstigen 130 bis 160 Tageskilometern – die mörderisch anmutende Strecke von 250 Kilometern abzureißen hatte.

Dazu gilt es zu verstehen, dass 250 Kilometer auf einem Moped, das auf Dauer nicht besonders bequem ist und im Schnitt 30, vielleicht 40 km/h fährt, circa 6-7 Stunden Fahrt bedeuten. Dazu sind die Straßen von Schlaglöchern übersät, Rinder und Ziegen überqueren unvermittelt die Fahrbahn, denn das Gras ist immer grüner auf der anderen Seite und Hunde liegen auf dem heißen Asphalt und dösen in der Sonne. Die Einzigen, die sich an die Verkehrsregeln zu halten scheinen, sind die Laoten. Mal abgesehen von der Helmpflicht. Selten habe ich so rücksichtsvolle und vorausschauende Verkehrsteilnehmer erlebt. Trotzdem verlangt mir die Fahrerei in Laos auch viel Konzentration ab, denn für einen Unfall bin ich weder gekleidet noch versichert.

Aber ein Faktor spielte auf dieser großen Strecke eine ausschlaggebende Rolle und machte es für mich ausgesprochen einfach, die vielen Kilometer entspannt abzureißen: meine Kopfhörer. Zum ersten Mal seit knapp 2000 Kilometer entschied ich mich, die kleinen Ohrstöpsel in die Hosentasche zu stecken und anschließend in meine Ohrmuscheln. Und das war wirklich etwas Besonderes. Einen Großteil der Strecke legte ich mit Daft Punk auf den Ohren zurück, die mich des Öfteren mal, dank der guten Verhältnisse, auf 60 km/h beschleunigen ließen.

Die Zeit verging wie im Flug. Und als ich auf den letzten 50 Kilometern die Black Keys auf’s Ohr bekam, konnte ich nicht glauben, wieso ich das nicht schon früher gemacht hatte. Ich spürte, wie die Musik mich beflügelte und ich noch viel mehr Spaß am Mopedfahren bekam.

Kurz bevor ich Phonsavan erreichte, wollte ich noch einmal volltanken. Aus der Ferne sah ich eine Tankstelle und als ich auf diese zufuhr, bemerkte ich eine Gruppe Frauen, die vor einem Gebäude tanzten. Die Musik war aus der Ferne zu hören und der Gesang der Laotinnen war schräg und erheiternd zugleich. Während der Tankwart mein Moped mit Sprit versorgte, beobachtete ich die Gruppe, die irgendetwas zu feiern schien. Nachdem ich die 40.000 Kip (4,40 €) für knapp 6 Liter Benzin bezahlte, ließ ich die Maschine an, fuhr los und rollte langsam im zweiten Gang Richtung des kleinen Lädchens, vor dem die Frauen feierten.

Als sie mich bemerkten jubelten und winkten sie mir zu. Dieser Jubel wich hysterischem Geschrei, als sie bemerkten, dass ich das Moped parkte und ein paar Meter entfernt abstieg. So muss sich Justin Bieber fühlen, denn die Frauen flippten komplett aus. Laut jauchzend kamen zwei auf mich zu, während ein paar Andere hinter der Hausecke verschwanden. Schnell zerrten sie mich in ihren Kreis und stürzten eine Flasche Bier in ein großes Glas, das sie mir entgegen streckten. Ebenso schnell wurde mir klar: die haben alle einen sitzen! Aber das tat unserem gemeinsamen Spaß keinen Abbruch. Im Gegenteil! Sie drehten die Musik wieder hoch und forderten mich auf, mit ihnen zu tanzen. Und so habe ich ihre Bewegungen gemimt, gelacht, getrunken und mich willkommen gefühlt. Leider hatte ich keine Möglichkeit, mich mit ihnen zu verständigen. Ich wollte wissen, was es denn zu feiern gab.

Mit Frauen kann ich ja ganz gut.

Bevor ich dankend das dritte Bier ablehnte und mich verabschiedete, fragte ich, ob ich die Szene noch filmen dürfe. Damit hatten die Frauen kein Problem – mehr noch, sie winkten Freunde von der anderen Straßenseite herüber und zeigten lachend auf mich, tanzend.

Als ich mich wieder auf’s Moped schwang, verabschiedeten sie sich umständlich und winkten mir beim Vorbeifahren noch einmal hinterher. Ich hupte zweimal und fuhr, sehr glücklich über dieses Erlebnis, Phonsavan entgegen.

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